Wörlitz

"Wörlitz ist keine lokale Größe, nicht einmal nur eine deutsche, es ist eine europäische, eine Weltangelegenheit..."
schrieb im Jahr 1925 der Kunsthistoriker Wilhelm van Kempen

Von 1764 bis kurz nach 1800 angelegt, ist der Wörlitzer Garten nicht nur einer der größten, sondern auch einer der frühesten und bedeutendsten Landschaftsparks Kontinentaleuropas. Auf 112 ha sind Natur und Kunst aufs Beste vereint. Schönes wurde mit Nützlichem verbunden. Ständig wechselnde Gartenbilder mit genial angelegten Sichtachsen sorgen für immer neue Eindrücke. Fürst Leopold III. Friedrich Franz von Anhalt-Dessau (»Vater Franz«, 1740 bis 1817), ein Enkel des »Alten Dessauers«, ließ dieses Kleinod der Gartenbaukunst nach seinen Vorstellungen errichten. Einfluss auf die Gestaltung hatten sowohl ausgedehnte Studienreisen nach England, Italien, Holland, Frankreich und in die Schweiz als auch Verehrung für die Antike, Begeisterung für die fortschrittliche englische Lebenskultur und Beschäftigung mit den Ideen der bürgerlichen Aufklärung, darunter auch mit den Werken Rousseaus. In allen Gartenteilen werden durch Inschriften, Plastiken, Gebäude, Brücken oder Pflanzungen Denkanstöße zur Auseinandersetzung mit der Natur, der Kunst, der Geschichte, der Philosophie gegeben. Die bis heute zum großen Teil in ihrer Ursprünglichkeit erhaltenen Wörlitzer Anlagen bilden den künstlerischen Höhepunkt des Gartenreichs Dessau-Wörlitz, welches im November 2000 in die Welterbeliste der UNESCO aufgenommen wurde, als ein, wie es heißt, »herausragendes Beispiel für die Umsetzung philosophischer Prinzipien der Aufklärung in einer Landschaftsgestaltung, die Kunst, Erziehung und Wirtschaft harmonisch miteinander verbindet«.
Entsprechend einem Leitsatz des Fürsten Franz — »Nützlich zu sein und Gutes zu stiften sind in meinen Augen unsere Schuldigkeit und die angenehmste Beschäftigung unseres Lebens.« — wurden mit einem umfassenden Reformprogramm Verbesserungen in fast allen Lebensbereichen erreicht, wovon einige nachhaltig bis heute wirken.
 

Klassizismus und Neugotik in Wörlitz

Neben dem landschaftlichen Gartenstil verhalfen die Wörlitzer Anlagen auch dem klassizistischen sowie dem neugotischen Baustil in Mitteleuropa zum Durchbruch. Die Wurzeln für diese Neuerungen liegen im damaligen England, wo mit der Verbürgerlichung des Adels auch neue Formen in der Baukunst und Gartenbaukunst gesucht worden waren. Schönes sollte nützlich sein, und so waren die Bauwerke nicht mehr nur Staffage, sondern dienten den unterschiedlichsten Zwecken, sei es zur Unterbringung der Kunstschätze und Sammlungen, sei es als Aufbewahrungsort für Gerätschaften oder Pflanzen, als kulturhistorisches und technisches Anschauungsmaterial oder auch als Wohnstätte. In den Gärten wird die Welt nachgeahmt. Die Spaziergänger sollten unterhalten, belehrt und beeindruckt werden. Fürst Franz verfolgte mit seinen künstlerischen Schöpfungen auch volkserzieherische Absichten. Baumeister aller klassizistischen Bauten in Wörlitz und im gesamten Gartenreich ist Friedrich Wilhelm von Erdmannsdorff (1736—1800), Freund des Fürsten Franz, großer Humanist und  Begründer des deutschen Klassizismus.
Kenntnisse über das klassische Altertum eignete er sich unter anderem in Italien bei dem Altertumsforscher Johann Joachim Winckelmann und bei dem Künstler Charles-Louis Clerisseau an. Die Verehrung der Antike ist in Wörlitz überall gegenwärtig. Ob Englischer Gartensitz, Venustempel, Pantheon, Floratempel, Nymphaeum oder Synagoge — vieles erinnert an Italien und England. Stand die Antike für das Schöne und Vollkommene, galt das Gotische als Symbol von Freiheit und Naturverbundenheit. Als wichtige neugotische Bauwerke entstanden das Gotische Haus und die Kirche St. Petri unter der Aufsicht des Baudirektors Hesekiel. Weitere beeindruckende neugotische Kirchenbauten in anderen Orten geben mit ihren Türmen dem Gartenreich ein charakteristisches Gepräge.
 

Das Englische Landhaus zu Wörlitz und das Gotische Haus

Das Wörlitzer Landhaus, die Sommerresidenz des Fürsten Leopold Friedrich Franz, ist das früheste klassizistische Bauwerk auf dem europäischen Festland. Nach Plänen des Baumeisters Friedrich Wilhelm von Erdmannsdorff wurde es von 1769 bis 1773 errichtet.
Fürst Franz widmete den Bau seiner Gemahlin Louise. Von seinen zahlreichen Reisen brachte der Fürst viele der Antiken und Gemälde mit, die lm Inneren befinden. Für damalige Verhältnisse hatte das Haus eine ganz moderne funktionale Einrichtung mit Wasserleitung, Wandschränken und gusseisernen Öfen. Die meisten der Arbeiten am und im Schloss verrichteten einheimische Handwerker. Schon in der Entstehungszeit war die Besichtigung des Schlosses sowie der gesamten Anlage möglich. Die Einrichtung aus dem 18. Jahrhundert ist zum größten Teil im Original erhalten und während einer Schlossführung zu besichtigen. Das Gotische Haus wurde in mehreren Bauphasen im neugotischen Stil nach Entwürfen und Vorgaben der Baumeister Georg Christoph Hesekiel und Friedrich Wilhelm von Erdmannsdorff sowie des Fürsten zwischen 1773 und 1813 errichtet. Die Front des Hauptgebäudes an der Kanalseite ist der Fassade der venezianischen Kirche »Maria dell' Orto« nachempfanden, zur Parkseite hin diente ein Bauwerk aus England, Horace Walpoles Strawberry Hill, als Vorbild. Es sollte ein Gebäude zum Wohnen werden, in dem auch die Sammlungen des Fürsten, u.a. Glasgemälde des 15. bis 17. Jahrhunderts aus der Schweiz sowie deutsche, niederländische und italienische Malerei des 16. bis 18. Jahrhunderts, untergebracht werden konnten. Möblierung und Raumgestaltung sind neugotisch. Das Gotische Haus konnte damals nur bei Abwesenheit des Fürsten besichtigt werden.
 

Das Gartenreich Dessau Wörlitz

Geprägt ist die Landschaft um Wörlitz auch heute noch von der wohl frühesten großräumigen Landschaftsgestaltungsmaßnahme Deutschlands. Fürst Franz hat vor ca. 200 Jahren seinem gesamten Ländchen Anhalt-Dessau ein parkähnliches Aussehen gegeben.
Getreu dem Wahlspruch, »das Nützliche mit dem Schönen« zu verbinden, entstand  eine ganze Reihe großer und kleiner Gartenanlagen, die jeweils etwa »eine halbe Stunde zu Pferde« voneinander entfernt lagen, unter anderem Großkühnau, Georgium und Beckerbruch, Tiergarten, Luisium, Sieglitzer Park, Wörlitzer Anlagen und Schönitzer See. Dazu kamen noch zwei bereits bestehende barocke Anlagen in Mosigkau und Oranienbaum. Die Verbindungsstraßen wurden vielfach mit Alleepflanzungen und mit so genannten »Unterwegen« für die Fußgänger versehen, Sitzsteine mit schönen Fernblicken, klassizistische Regenschutzhäuschen und Wallwachhäuser, Raststätten alle 4 bis 5 Kilometer, wohlgepflegte Wälder mit säuberlich angelegten Wegen, Kanäle, prächtige Wiesen, unterschiedlichste Baumarten, die Auenlandschaft mit herrlichen Solitäreichen und Gewässern - das alles erweckt auch heute noch den Eindruck, als wäre das ganze Land ein einziger großer Park. In dieser Gesamtheit wurde das Gartenreich Dessau-Wörlitz am 30. November 2000 in die Weltkulturerbeliste der UNESCO aufgenommen und erfuhr somit höchste internationale Anerkennung.

 

(Rad) Wandern

Die Umgebung von Wörlitz ist zum Wandern und Radwandern ideal geeignet. Zum Beispiel:
Förster-Wöpke-Weg Rundweg durch die Elbaue, 17 km
Wildeberg-Weg Rundweg durch die Elbaue, 9 km
Fürst-Franz-Weg Rundweg von insgesamt 45 km Länge durch das Dessau-Wörlitzer Gartenreich, auch gut in Teilabschnitten zu erleben, zum Beispiel: Sieglitzer Park (ca. 6 km von Wörlitz) oder Schloss und Park Luisium (ca. 11 km). Der Fürst-Franz-Weg ist stellenweise identisch mit dem Radfernweg R l sowie dem Elberadweg R 2. Die Wörlitz-Information bietet auf Wunsch geführte Wanderungen und Radwanderungen zu verschiedenen Zielen an. Um rechtzeitige Voranmeldung wird gebeten, Tel. (03 49 05) 2 02 16. Bitte beachten Sie, dass die Wege teilweise im Überschwemmungsgebiete der Elbe liegen und dadurch manchmal nicht befahrbar sind.
 

Kutsch- und Kremserfahrten


Kutsch- und Kremserfahrten, Hochzeitskutsche, Reitstunden, Ponyreiten, Trekkingferien werden vom Pferdehof »Zur Elbaue« angeboten. Dieser befindet sich in der Nähe des Großparkplatzes an der Seespitze. Tel. (034905) 20048 und (034904) 20410